Frisch erschienen:
329. einfach
Hgg. Hannes Böhringer, Hans Hansen, Axel Kufus
Beiträge von I. Rechenberg, T. Kapielski, H. Kollhoff,
S. Heidenreich, D. Hauser, P. Damerow, T. Nolting, A.
Cuni, H. Böhringer, R. Schmitt, H. Günther, A. M. Rabe
Fotografien von Hans Hansen
136 Seiten 10,- Euro ISBN 978-3-88396-266-5
"In der Einfachheit steckt Mut. Der ist nötig, sich über Umstände einfach
hinwegzusetzen. Die Umstände sind das Übliche, Gewohnheiten, Regeln,
Etikette, Konventionen, alles das, was fraglos und fortwährend mitgeschleppt
wird. Diese Umstände können nicht ohne weiteres beseitigt werden. Die
Einfachheit aber hat den Mut, sie zu vernachlässigen, sie nicht so wichtig zu
nehmen. Nur so kann sie mit neuen Lösungen und eleganten Abkürzungen
überraschen. Und jeder fragt sich verwundert, wieso man nicht früher darauf
gekommen war. Die Einfachheit beendet das Hin und Her der Reden und
Einwände durch Evidenz." Hannes Böhringer
Hannes Böhringer (*1948 in Hilden bei Düsseldorf), lebt in Berlin und lehrt
Philosophie an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig.
Hans Hansen (*1940 in Bielefeld) studierte angewandte Grafik an der Staatlichen
Kunstakademie Düsseldorf und machte sich 1962 als Fotograf und
Autodidakt selbständig. Seit 1967 lebt und arbeitet er in Hamburg.
Axel Kufus (*1958 in Essen), Ausbildung zum Tischlermeister, parallel zum
Designstudium an der HdK Berlin. Seit 2004 Lehre und Forschung am Institut
für Produkt- und Prozessgestaltung an der Universität der Künste Berlin.
Die im Buch vorgestellten Gegenstände werden im Rahmen des Designmai und des DMY 2009 in der Ausstellung: „einfach. Zwölf Umschreibungen“ vom
24. Mai bis 7. Juni 2009 im Ausstellungspavillon der Bauakademie am
Schinkelplatz in Berlin gezeigt. (www.designmai.com)
322. Mark von Schlegell
Realometer. Amerikanische Romantik
80 Seiten 8,- Euro ISBN 978-3-88396-259-7
Aus dem Amerikanischen von Andreas Reihse und Anna-Sophie Springer.
Im Geleit von Autoren wie Adam Smith, Edgar Allan Poe, Hermann Melville, und James Tiptree, Jr. geht Mark von Schlegell mit Hilfe des Waldenschen Realometers der Frage nach dem Realitätsgrund eines genuin amerikanischen Schreibens nach.
„Was die amerikanische Romantik entdeckte, als sie sich so abmühte, ihre europäischen Vorbilder abzuschütteln, war, dass die Faktizität selbst durch die Rhetorik der Aufklärung produziert wurde, als eine Bühne, auf der sie sich selbst entfalten konnte. Und dass diese Faktizität aufs Leichteste zu zerstören war. […] Der Realometer ist wie eine Maschine. Der Realometer reflektiert das Licht der belebten Welt des Bewusstseins, wie es niedergeschrieben durch die aufgezeichnete Zeit rollt und dabei ein sich stetig-änderndes Wirkliches romantisiert.“
Mark von Schlegell, (*1967), schreibt vorzugsweise Science Fiction; bei Semiotext(e) ist 2005 der Roman Venusia erschienen, ein weiterer Band Mercury Station ist für 2009 in Vorbereitung. Seine Kunstkritiken finden sich in Magazinen wie Parkett oder Flash Art, sowie bspw. in den Publikationen des Whitney Museums und des L.A. MOCA.
333. Kapielski
Zeitbehälter
Kleine Festordnung
152 Seiten 14,- Euro ISBN 978-3-88396-270-2
»
Caerimonia. Zeitbehälter, Zeitgefäße und –fässer. Wer die Ordnung der Zeit
vernachlässigt, fällt aus der Zeit mit Rumps! und Bumms! Vertändeltes
Leben, verschlafener Tag, versäumte Weltengunst. Das All und Eine, die
Sonnen, Planeten und ihre Beisassen, die Pflanzen und Tiere, hüten sich,
solches zu tun. Alles atmet und rollt um mit Maß. Maß und Ordnung (
ordo)
bestellen die Weltordnung (
kósmos). Gesetze, Zeit- und Festordnungen müssen
Leidenschaften und menschliche Haltlosigkeiten bezwingen, da diese die
Völker leicht in die Barbarei zurückwerfen und den Staaten erlauben, leichtsinnig
auf Krieg zu grübeln. Satzung nötigt und kann lästig sein, doch der
Krieg ist viel herber. Denn: „
Silent leges inter arma.“ – Im Krieg schweigen
die Gesetze. […] Der Ordnung aber leisten die wildesten Gewalten Gehorsam.
„Ordnung rejiert de Welt und Knüppel de Leutchen!“ (Berliner Redensart,
um 1900) Auch gilt es die launische Zeit selbst zu zügeln: Zwar macht sie
aus einem Gerstenkorn ein Fass Bier und sinnt auf Wachstum und Gedeihen;
doch Zufall und Zeit sind obendrein die größten Tyrannen der Erde, wie
Herder und auch wir befinden; auch darum ersann sich der Mensch die Ordnung
und das Maß der Zeit und ersehnt die Deutung und Hegung des
Zufalls.« Kapielski
Thomas Kapielski, (*1951 in Berlin-Charlottenburg), Studium der Philologie,
Physischen Geographie, Philosophie. Schriftsteller, Künstler, Musiker,
Dozent, lebt in Berlin.
(
www.kapielski.de)
323. Michel Serres
Das eigentliche Übel
95 Seiten 9,- Euro ISBN 978-3-88396-260-3
Aus dem Französischen von Elisa Barth und Alexandre Plank.
„Derjenige, der den Raum mit Plakaten verschmutzt, die Träger von Sätzen und Bildern sind, stiehlt dem Blick aller die umliegende Landschaft, tötet ihre Wahrnehmung, durchbohrt den Ort durch ebendiesen Diebstahl. Erst die Landschaft, dann die Welt. Er durchsetzt den Raum mit schwarzen Löchern, die die Empfindung einsaugen und die Wahrnehmungsfähigkeit zerstören. Mit welchem Recht? Er benimmt sich wie ein universaler Hausbesetzer. Auf dieselbe Weise, ebenso gebieterisch, erweist sich ein Geldstück als leichter sichtbar, lesbar und entzifferbar als das Objekt, das es kauft. Es versiegelt den Blick darauf, es tötet dieses Objekt. Das Symbol annulliert die Sache. Die Welt wird von den Zeichen ausgedrückt und ausgelöscht.“
Michel Serres schreibt über die dem Menschen inhärente Strategie, abgeleitet aus der Verwandtschaft mit den Tieren, sich etwas anzueignen, indem man es beschmutzt. Dieses Konzept differenziert er in „Das eigentliche Übel“ unter zwei Arten der Verschmutzung aus: die harte Verschmutzung, zu der bspw. Emissionen aus Industrieanlagen oder Autoabgase zählen, und die weiche Verschmutzung, unter die er Werbung, Krach aber auch Graffiti rechnet. Hausbesetzer, Marken, Sperma, Tags sind Beispiele, auf die er dabei zurückgreift.
Michel Serres (*1930), ist Professor an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne sowie in Stanford, seit 1990 zudem Mitglied der Académie française.
316. Leo Strauss, Alexandre Kojève, Friedrich Kittler
Kunst des Schreibens
104 Seiten 10,- Euro ISBN 978-3-88396-250-4
Herausgegeben von Andreas Hiepko
Aus dem Französischen von Peter Geble und dem Englischen von A. Hiepko.
Die Freundschaft von Alexandre Kojève und Leo Strauss reicht bis in die frühen 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Sie äußerte sich, wie ihr Briefwechsel (1932-1965) zeigt, in erster Linie als intellektuelle Auseinandersetzung, die zuweilen auch publizistische Früchte, wie „Über Tyrannis“ (1963), trug. Der vorliegende Band vereint zwei Texte zu einem anderen Thema: Die Kunst des Schreibens. Zum einen Alexandre Kojèves Text „Kaiser Julian und die Kunst des Schreibens“, der zuerst 1964 in englischer Übersetzung in einer Festschrift für Leo Strauss erschien, zum anderen den Aufsatz des Jubilars von 1941, auf den sich Kojève ausdrücklich bezieht: „Verfolgung und die Kunst des Schreibens“.
Es geht also um das Verhältnis von Exoterik und Esoterik, um das, was gesagt wird und das, was unausgesprochen bleibt. Und darum, ob es eine spezielle Schreibtechnik gibt, „eine Technik, an die wir denken, wenn wir vom Zwischen-den-Zeilen-Schreiben sprechen“, die zu verstehen gibt, was nicht ausgesprochen wird. Abschließend stellt Friedrich Kittler Kaiser Julians so genannte Apostasie in ihren medien- und institutionsgeschichtlichen Kontext, in den jede „Kunst des Schreibens“ eingebunden ist.
309. Mario Perniola
Über das Fühlen
184 Seiten ca. 16,- Euro ISBN 978-3-88396
Aus dem Italienischen von Sabine Schneider.
„Es geht hier um eine Fragestellung, in der Ästhetik und Politik unlösbar miteinander verflochten sind und die sich ihrem Grundsatz nach und vereinfacht folgendermaßen formulieren lässt: wie löst sich der Konflikt zwischen dem Fühlen des individuellen Subjekts und der äußeren Welt? Muss die, in philosophischen Begriffen gefragt, lateinische
alienatio als eine
Entfremdung oder
Entäußerung gedacht werden? […] Meine Arbeit kann, anders gesagt, als allgemeines Schema einer historischen Anthropologie des Fühlens definiert werden.“
| Bürokratie (M. Weber) | Leben (Simmel) | Form (Worringer) |
| Ideologie (Marx) | Pathos (Hegel) | Herz (Kleist) |
| Markt (A. Smith) | Gefühl (Kant) | Sinn (Vico) |
| Politik (Hobbes) | Leidenschaft (Descartes) | Überschwenglichkeit (Gracián) |
Mario Perniola, Professor für Ästhetik an der
Università di Roma „Tor Vergata“, Gastprofessuren u.a. in Frankreich, Japan, Brasilien und den USA.
325. François Jullien
Das Universelle, das Einförmige, das Gemeinsame und der Dialog zwischen
den Kulturen
ca. 220 Seiten 20,- Euro ISBN 978-3-88396-262-7
Aus dem Französischen von Ronald Voullié.
„Wie kann man vom Prinzip der strikten Allgemeingültigkeit übergangslos zum bloßen Postulat der angestrebten Allgemeinverbindlichkeit übergehen? - fragt Jullien. Theorie und Praxis, wird man antworten. Im Spielraum dieser logischen Wackelstelle findet heute die Debatte über Kulturverständigung statt. Julliens Versuch einer Begriffsklärung im Dreieck zwischen logischer Universalität, wirtschaftlicher Uniformität und politisch ausgehandelter Gemeinschaft ist ein nützlicher Beitrag dazu. Das Gemeinsame ist dabei nicht bloß als ein minderwertiges Allgemeines zu verstehen. Es ist eine eigene Größe. Von einer kategorisch gesetzten Allgemeingültigkeit habe die Menschenrechtsdebatte den Akzent - so Julliens These - in Richtung einer konkret angestrebten Gemeinschaft verschoben: Wo das Universelle stockt, macht der Gemeinschaftssinn weiter.“ Joseph Hanimann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2008.
François Jullien (*1951), Philosoph und Sinologe, leitet an der Université Paris-Diderot das Institut de la pensée contemporaine.
328. Alain Badiou
Ist Politik denkbar?
morale provisoire #1
164 Seiten 15,- Euro ISBN 978-3-88396-265-8
Herausgegeben und übersetzt von Frank Ruda und Jan Völker.
„Ist Politik denkbar?“ ist ein philosophisches wie politisches Buch, aber kein Buch der politischen Philosophie. Es stellt die Frage, wie sich angesichts realsozialistischer Verwaltung und stalinistischer Pervertierung der kommunistischen Idee der universale Anspruch einer wahrhaft emanzipatorischen, kollektiven Politik aufrechterhalten lässt?
Damit richtet es sich gegen die der politischen Philosophie lieb gewordene These einer Krise des Politischen. Das Politische rekurriert aber allein auf die angemessene Repräsentation des Sozialen, weswegen seinen Theoretikern nichts teurer ist, als die Unterscheidung einer guten von einer schlechten Staatsform, der Demokratie vom Totalitarismus. Dem setzt Badiou einen Begriff der Politik unter dem Vorzeichen der Praxis entgegen. Ausgehend von dem Ereignis der polnischen Arbeiterbewegung versucht Badiou ein Denken der Politik zu entwerfen, dass mit diesem Ereignis zeitgenössisch zu sein vermag. Dieses Denken der Politik nimmt die historische Spezifik des Ereignisses auf und versteht sie als Aufforderung zu einer Transformation der Philosophie. Ein Denken, dass diesen Anforderungen genügt, müsste von der Besonderheit politischer Praxisformen ausgehend eine neue Form der kommunistischen Hypothese entwerfen.
„Ist Politik denkbar“ stellt die zentralen Begriffe der Philosophie Alain Badious vor, die dann in Das Sein und das Ereignis entfaltet werden.
Alain Badiou (*1937), Philosoph und Romancier, lehrt an der École Normale Supérieure sowie am Collège International de Philosophie in Paris.
Der Band ist der erste einer neuen „Reihe in der Reihe“ morale provisoire, die von Frank Ruda und Jan Völker betreut wird.
morale provisoire ist in loser Folge der zeitgenössischen Dringlichkeit verpflichtet, Orientierungen in Fragen der Wissenschaft, Politik, Kunst und Liebe zu versammeln und ihre Einsätze auf dem Feld der Philosophie zu bestimmen.
334. TIQQUN
Grundbausteine einer Theorie des Mädchens
180 Seiten 13 Euro ISBN 978-3-88396-271-9
Aus dem Französischen vom philologischen Arm der deutschen Sektion der
PI (Parti Imaginaire).
Das Mädchen (la
Jeune-Fille) ist die Gestalt, die Ewig-Weibliches und ewige
Jugend in sich vereint. Seinen Ursprung hat es im Bankrott des von der totalen
Kommerzialisierung überrannten Feminismus. Einzig fähig zu konsumieren
(sowohl in der Freizeit wie bei der Arbeit), ist das Mädchen zugleich das
luxuriöseste Konsumgut, das gegenwärtig in Umlauf ist: die Leit-Ware, die
dazu dient, alle anderen zu verkaufen. Mit dem Mädchen wird Wirklichkeit,
was sich nur die überdrehtesten Krämerseelen erträumten: die autonome
Ware, die spricht und geht, die lebende Sache.
Doch woran erkennt man es? Zunächst daran, dass es ist, was es zu sein
scheint, sonst nichts. Zum zweiten hat alles, was das Mädchen tut, etwas
Professionelles an sich, da es seine gesamte Existenz als eine Frage des
Managements betrachtet. Als Eigentümerin ihres Körpers, verkauft das
Mädchen (»Sternchen«, Model, Reklame, Bild) seine »Verführungskraft« wie
man einst seine »Arbeitskraft« verkaufte. Selbst seine Liebschaften sind
Arbeit, und wie jede Arbeit prekär... Schließlich altert das Mädchen nicht, es
verwest.
„Julien Coupat und seine Freunde können nicht die Autoren der in TIQQUN
veröffentlichten Texte sein, weil diese in einer Zone angesiedelt sind, in der
es unmöglich ist, zwischen Subjekt und Dispositiv zu unterscheiden, d.h. in
der der Begriff des Autors jegliche Bedeutung verloren hat.“ Giorgio Agamben.
(
www.bloom0101.org)
... bereits angekündigt:
319. Thomas Hirschhorn,
Marcus Steinweg
MAPS
ca. 40 Seiten + 10 auffaltbare Karten Format 17x24cm ca. 25,- EUR
ISBN 978-3-88396-253-5 (dt. Ausg.) ISBN 978-3-88396-254-2 (engl. Ausg.)
„1. Es gibt Kunst nur als Behauptung.“ (M.S.)
„Der Plan ist der erste Schritt für einen Aufbau, für eine Konstruktion, für eine Skulptur. Der Plan ist zweidimensional, ich muss ihn – durch meine Arbeit - in die dritte Dimension verwandeln. Alle meine Arbeiten sind Pläne oder Collagen – umgesetzt in die dritte Dimension, ich mache Collagen im Raum. Ich gehe nie vom Volumen aus, ich gehe immer von einem Plan aus - den ich in meinem Kopf habe. Der Plan, die Form ist zuerst in meinem Kopf. Mich interessiert, dass der Plan nicht linear umgesetzt werden kann und es interessiert mich, dass ich einen Plan interpretieren muss. Mein Plan ist nicht ‚Theorie’. Seine Interpretation muss eine echte, eine wahrhaftige, eine eigene Interpretation sein.
In der Kunst geht es darum, ein Anliegen, ein Problem, eine Mission zu haben und es geht darum in Not, mit Kopflosigkeit und in absoluter Dringlichkeit diesem Anliegen, diesem Problem oder dieser Mission eine Form zu geben.“
(T.H.)
330. Marcus Steinweg
Aporien der Liebe
ca. 120 Seiten ca. 11,- Euro ISBN 978-3-88396-267-2
Aporien sind Ausweglosigkeiten. Die aporetische Situation macht ratlos. Sie führt das Subjekt an eine Grenze, die
es nicht passieren kann. Entgegen der Vorstellung, dass mit der Aporie die
Liebe zu ihrem Ende kommt, will dieses Buch zeigen, dass die Aporie der
Liebeserfahrung zwingend angehört. Die Aporien der Liebe erweisen sich als
Bedingungen ihrer Möglichkeit, solange Liebe heißt, der Versuchung zur
narzisstischen Selbsteinmauerung zu widerstehen.
Marcus Steinweg (*1971), Philosoph, lebt und arbeitet in Berlin.
(
artnews.org/marcussteinweg)
Aktuell hält er im Rahmen von Thomas Hirschhorns Kunstwerk „The Bijlmer
Spinoza-Festival“ (vom 2. Mai – 28. Juni 2009 in Amsterdam) 50 Vorträge zu
Kunst und Philosophie. (
www.thebijlmerspinozafestival.nl
331. Paul Virilio
Cyberwelt
Politik des Fatalen
Ein Gespräch mit Philippe Petit
ca. 104 Seiten ca. 10,- Euro ISBN 978-3-88396-268-9
Aus dem Französischen von Alexandre Plank und Elisa Barth.
Der Gesprächsband von Paul Virilio und Philippe Petit ist nicht nur ein
Verweilen bei den wichtigen Ideen und Publikationen des französischen
Architekten, Urbanisten und Theoretikers Paul Virilio, sondern offenbart auch
biographische Schnittstellen zwischen seinem Leben und seinen Arbeiten,
zwischen seinen Erfahrungen und seinen Warnungen. Petit und Virilio
sprechen über Urbanistik, Echtzeitmedien, Finanzkrisen, Biopolitik und Macht.
So stellt sich Virilio dem Vorwurf, ein Pessimist zu sein und beharrt dagegen
auf der Notwendigkeit, die unterbelichtete Seite der technischen Errungenschaften,
die einseitig als Fortschritt gefeiert werden, in den Fokus unserer
Überlegungen zu rücken.
Dabei stand die Einlösung einiger Prognosen, die der Seismograph Virilio
gibt, Mitte der 90er Jahre überhaupt erst noch aus – sei es in Hinsicht auf die
Finanzkrise oder die Aufstände in den französischen Vororten – bzw. harren
wir ihrer noch ungeduldig, wie bspw. das Ende des Fernsehens, das er
schlüssig nahelegt.
Paul Virilio (*1932 in Paris), Philosoph und Dromologe.
Philippe Petit, Journalist und Autor.
332. Stefan Heidenreich
Über Universität
ca. 72 Seiten ca. 7,- Euro ISBN 978-3-88396-269-6
Weit entfernt von der Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, der
Universitas
Magistrorum et Scholarium, als die sie einst gegründet wurde, widmet
sich die Universität von heute zusehends der Massenproduktion effizienter
Idioten. Als Ort des Denkens und als Institution der Wissenschaft steht sie
in Frage, seit ein neues Wissen im Netz lebendig wird. Mehr als alle anderen
Fächer sind die Geisteswissenschaften betroffen. Seit um 1800 Theologen
umgeschult wurden, um den neuen Bürgerstaaten als Lehrer und Beamte zu
dienen, kranken sie an einer theologischen Sperre. Denn die Bibel musste
nie geschrieben, sondern nur gelesen werden. Seither lernen Akademiker
nicht schreiben und machen, sondern bloß lesen, hören oder sehen. Die Beschränkung
auf Rezeption, Interpretation und Historisierung und die Trennung
von Praxis und Theorie wirkt angesichts einer Kultur der Partizipation
im Netz zusehends überholt. Andere Disziplinen haben längst das Potenzial
der Kultur entdeckt, so Teile der Ökonomie und der Informatik oder auch die
Kunst. Die Geisteswissenschaften können bestehen, wenn es ihnen gelingt,
sich den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen. Das verlangt Dreierlei:
– Wissen auf mögliches Handeln auszurichten. – Kultur als wirtschaftliches
Feld ernst zu nehmen, wie kritisch auch immer. – Sich im Netz zu verorten
und dort neue Formen des Lehrens und Wissens zu erfinden.
Stefan Heidenreich (*1965 in Biberach a. d. Riss), lebt als Autor, Kunstkritiker,
Kultur- und Medienwissenschaftler in Berlin.
(
www.stefanheidenreich.de)
335. Günther Rösch
Philosophie und Selbstbeschreibung
Kojève, Heidegger
ca. 136 Seiten ca. 12,- Euro ISBN 978-3-88396-272-6
Alexandre Kojève sagt über die Philosophie von Hegel, diese führe in letzter
Konsequenz zu einem „Ende der Geschichte“, an dem die „Figur des Weisen“
erscheint. Martin Heidegger sagt über das Denken von Nietzsche, dass
es das „Ende der Metaphysik“ erreicht und verlegt die Beantwortung der
Frage nach dem Sein in einen Bereich, den man „Poetik des Seins“ nennen
kann.
Beide wegweisenden Interpretationen führen zu einem metaphorischen
Haltepunkt – jeweils ist die Rede von einem „Ende“ – über den die Logik der
Argumentation hinauszeigt: die Figur des Weisen und die Poetik des Seins
gehen aus der Immanenz der Philosophie als neue Denkmöglichkeiten hervor.
Der Weise ist das wandelnde Paradox der Philosophie, die dichterische
Sprache ist die von ihr beneidete Konkurrenz. Die Situation der Geschlossenheit
zwingt zu einem Abtasten der Grenzen. Was sagt die Philosophie über
ihre (unsere) Situation?
Günther Rösch (*1960) lebt in Berlin. Er ist Herausgeber der deutschsprachigen
Ausgabe von „Tausend Plateaus“ (G. Deleuze / F. Guattari), sowie der 5
„Hermes“-Bände von Michel Serres.
336. Gloria Meynen
Die andere Seite des Mondes
ca. 120 Seiten ca. 11,- Euro ISBN 978-3-88396-273-3
1969 ist das Jahr, das zu spät kommt, aber auch das Jahr eines geweiteten
Augenblicks: Am Weihnachtsabend 1968 zielt der Astronaut Bill Anders mit
der Kamera auf den Heimatplaneten und schießt so fast aus der Hüfte das
erste Foto vom Blauen Planeten. Anders’ Foto zeigt die Welt aus der
Perspektive von Ausserirdischen, eine Welt, die sich selbst fremd geworden
ist. Seit Jahrhunderten ist die Erde endlos, auf den Karten der Geographen
fehlt ihr der Horizont. In den Fotoalben der NASA aber ist die Welt umgrenzt,
eine Insel, die königsblau in den schwarzen Weiten des Weltraums
schwimmt. Die Ökologie findet daraufhin die Grenzen der Welt in der Umwelt,
sie favorisiert einen Mondblick, der die Welt in der Welt mit den Augen von
Ausserirdischen sieht. In ihren Computeranalysen ist Überleben zu einer
Frage der Systemgrenzen geworden. In Woodstock proben Unzählige, auf
engstem Raum 3 Tage und 3 Nächte auszuharren. Intel setzt auf Moores
Gesetz. Und die Sesamstrasse baut 1969 eine Welt, die in eine einzige
Strasse passt, sie erfindet Oscar, den Griesgram, der wie die Astronauten
der NASA in den engen Grenzen einer Tonne leben muss.
Von Facebook bis zu Google Earth ist der fremde Selbstblick zu einem
technischen Merkmal unserer Innenwelt geworden. Der Mond ist längst auf
der Erde heimisch geworden. Zwischen Woodstock und Apollo 11 sucht das
Buch die Meteoriten eines irdischen Mondblicks.
Gloria Meynen (*1969 in Köln am Rhein) ist Medien- und Kulturwissenschaftlerin,
arbeitet an der Universität Basel (
www.eikones.ch) und lehrt an
der Zürcher Hochschule der Künste und der ETH Zürich.
297. Dave Hickey
Der unsichtbare Drachen. Vier
Essays über die Schönheit
Aus dem Amerikanischen von Tom Lamberty und Ronald Voullié.
ca. 184 Seiten ca. 17,- Euro ISBN 978-3-88396-231-3
„… wenn unsere Kunstkritik mehr sein möchte als eine bloße geisteswissenschaftliche
Disziplin, dann muss die Wirkungsmacht der Bilder der
Ausgangspunkt der Kritik sein und nicht ihre Konsequenz – das Subjekt der
Kritik und nicht ihr Objekt. Und darum“, schlußfolgerte ich einigermaßen
großartig, „möchte ich ihre Aufmerksamkeit auf die Sprache des visuellen
Affekts richten – auf die Rhetorik des Wie-die-Dinge-aussehen – auf die
Ikonographie des Begehrens – mit einem Wort, auf Schönheit.“ Dave Hickey
Dave Hickey gilt als einer der eigensinnigsten und einflußreichsten Kunstkritiker
der USA, er publizierte unter anderem in Artforum, Interview und im
Rolling Stone. Derzeit hat er eine Professur an der University of Nevada, Las
Vegas inne. Die ersten vier Essays spannen einen Bogen über die Werke
von Raphael und Caravaggio bis hin zu Andy Warhol und Robert Mapplethorpe.
Der erstmals in deutscher Sprache erscheinende Band wurde vom
Autor in Gänze durchgesehen, aktualisiert und um einen fünften Essay „American
Beauty“ erweitert. Das Buch ist noch reichhaltiger geworden. Das Warten
hat sich gelohnt. Oder, in Daves Worten: »It’s a good book, but it’s not
that good.«
326. Cord Riechelmann
Ein Gerücht namens Darwin.
ca. 120 Seiten ca. 10,- Euro ISBN 978-3-88396-263-4
Darwinisten wie Anti-Darwinisten, gleich ob es sich um Biologen oder Geisteswissenschaftler handelt, eint in sehr vielen Fällen eins: Sie wissen nicht, was in den Texten Darwins tatsächlich steht. Dafür kennen sie alle die vermeintlich entscheidende Parole: Im Kampf ums Dasein überleben nur die Tüchtigsten. Charles Darwin ist neben Nietzsche und Marx, den anderen beiden Diskursgründern des 19. Jahrhunderts, die in herausragender Weise auf die Gewalttätigkeiten des 20. Jahrhunderts vorbereiten, auf zwei, drei Binsenweisheiten heruntergekommen, die buchstäblich die Spatzen von den Dächern pfeifen.
Dabei kann es nicht schaden, mal einen Blick auf das zu werfen, was die Spatzen wirklich pfeifen bzw. singen. Denn Darwin ist nicht über die Tatsache, dass Tiere einander auch gegenseitig auffressen auf die Idee von der Veränderbarkeit der Arten gestoßen worden, sondern über den Gesang der Galapagosspottdrosseln. Der Band vereint disparate Texte, die auf den Galapagosinseln nach den Spuren Darwins, der Spottdrosseln und einer Kolonie deutscher Nietzscheaner, die dort das Paradies finden wollten, suchen; am Baikalsee nach kropotkinschen Symbiosen fahnden; Kant, Darwin und Nietzsche in Sils Maria spazieren gehen lassen und nach dem Konzept der Wiederholung bei Darwin, Gilles Deleuze und Richard Dawkins fragen. Regenwürmer, die Pflanzen in Darwins Garten und der kleine Hans, der die Pferde sortiert, kommen auch vor.
Cord Riechelmann, (*1960), Biologe, Philosoph und Autor, schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Merkur, die tageszeitung und die ZEIT.
324. Michel Chion
Die Kunst fixierter Töne – oder die Musik konkret
ca. 144 Seiten ca. 12,- Euro ISBN 978-3-88396-261-0
Aus dem Französischen von Ronald Voullié.
Michel Chion schlägt zunächst vor, sich in aller Ruhe It never entered my mind von Miles Davies anzuhören und sich dann Gedanken über die Tonlängen auf heutigen Tonträgern zu machen. Dabei geht es weder um so genannte „Live-Aufnahmen“ noch um die täuschend echte Neueinspielung klassischer Musik. Was ist der eigentliche Grundstoff der Musik? Was hat es mit der Technologie der elektronischen Musik auf sich? Gibt es ein Kino für das Ohr? Chions konkrete Musik bringt einem vieles in den Kopf, auf das man zuvor noch nicht gekommen ist.
Michel Chion (*1947) – Komponist, Regisseur, Essayist und Kritiker – arbeitete lange mit Pierre Schaeffer am Conservatoire national de musique und mit Robert Cahen zusammen. Er publizierte bis heute mehr als 30 Bücher zur Musik und zum Film (jüngst zu Tarkowski), seine Kompositionen erschienen bei INA-GRM, Metamkine und zuletzt bei Sub Rosa. Er lehrt unter anderem an der École Supérieure Libre d'Études Cinématographique in Paris und der École Cantonale d'Art de Lausanne.
Martin Carlé / Joulia Strauss
Cat-Notation
ca. 168 Seiten ca. 24,- Euro Zahlreiche Farbabb. ISBN 978-3-88396-258-0
Proömion ^---^ proo×mion
„Dieses Buch übernimmt die Struktur der ersten delphischen Hymne an Apollon, in der das Wunder der Modulation die Zusammenfügung bewusst archaisierender Ansatzpunkte mit zukunftsorientierten kulturpolitischen Standpunkten ermöglicht. Wie der Grieche Athenaios die Götter herbeiruft und im Moment ihres Erscheinens die Tonart wechselt, rechnen wir im Augenblick des gemeinsamen Vorgehens von Kunst und Wissenschaft mit einer kathartischen Unterbrechung der depressiven Reflexe unserer Event-Kultur. Wie die reigenführende Leier in des Eingangs Zögerungen das Tieropfer vorbereitet, das die kulturelle Trennung von physis und techné rituell aufhebt, kündet die Entwicklung mathematischer Operationstiere zu synthetischen Skulpturen von der Anwesenheit einer Kunst, die die Berührung des Schönen mit der Zeitlichkeit von Simulationstechnologien jenseits der modernen Repräsentations- und Reproduktionsproblematik versöhnt.“
Martin Carlé, (*1971), Medientheoretiker, Musikwissenschaftler und Philosoph. Er veröffentlichte unter anderem Signalmusik MKII (Berlin 2006) und zuletzt Parasemantics and Enharmony: Coding and Decoding in the Ancient Greek Sonosphere, in: Mathematics and Computation in Music (Berlin 2008).
Joulia Strauss (*1974), Künstlerin. Studierte an der St. Petersburger Neuen Akademie der Schönen Künste bei Timur Novikow und an der Berliner Hochschule der Künste bei Georg Baselitz. Ausstellungen unter anderem im Martin-Gropius-Bau, Berlin, Deutsche Guggenheim Berlin, Pergamon Museum Berlin, Tirana Biennale, Kunstverein Wolfsburg, Moskau-Biennale, Hamburger Kunstverein, und in der Tate Modern, London.
321. Ulf Poschardt
Geschmacksbürgertum
ca. 120 Seiten ca. 10,- Euro ISBN 978-3-88396-257-3
Die Zeit des Bildungsbürgers geht zu Ende. Bildung wird durch Geschmack ersetzt. Dabei kommt Geschmack ohne die Bildung der Nerven nicht aus – und ist doch ein Element einer zeitgenössischen Vernunftkritik, die den Sinnen vertraut wo der Verstand unzurechnungsfähig erscheint. Der Ratlosigkeit der Welt gegenüber erwuchs die Sicherheit im Geschmacksurteil, auch wenn es jeden Tag anders lautete. Nietzsches Gedanke der radikalen Individualisierung durch Geschmack legt eine Spur in die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.
„Vieles nicht sehn, nicht hören, nicht an sich herankommen lassen – erste Klugheit, erster Beweis dafür, daß man kein Zufall, sondern eine Necessität ist. Das gangbare Wort für diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist Geschmack. Sein Imperativ befiehlt nicht nur Nein zu sagen, wo das Ja eine „Selbstlosigkeit“ sein würde, sondern auch so wenig als möglich Nein zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immer und immer wieder das Nein nöthig werden würde.“ [Friedrich Nietzsche, Ecce Homo. Wie man wird, was man ist, Leipzig o.J. (1908)]
Ulf Poschardt, Journalist und Autor, zuletzt Chefredakteur der deutschen Vanity Fair, ist stellvertretender Chefredakteur der Welt am Sonntag.
318. Maurice Blanchot
Attention_Wachsamkeit
Maurice Blanchots Briefe an Johannes Hübner
ca. 128 Seiten ca. 10,- Euro ISBN 978-3-88396-252-8
Herausgegeben von Karl-Heinz Barck und Andreas Hiepko
„[…] als ob wir jetzt die Pflicht hätten, nur aus Müdigkeit zu sprechen, und zwar aus einer unendlichen Müdigkeit, fern jeder Begeisterung, die uns die Abwesenheit der Götter zu Recht verbietet. Aber Gottes Fehl hilft.“
Aus einem Brief, den Maurice Blanchot am 18. Dezember 1963 an seinen Berliner Übersetzer Johannes Hübner schrieb. Johannes Hübner (1921-1977) war Übersetzer von René Char, Paul Eluard und Blanchot, Dichter und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Dichtung Speichen (1968-1973). Der Band umfasst sämtliche Briefe aus dem Nachlass von Johannes Hübner, die Blanchot in den Jahren 1960-1973 an Hübner schrieb.
315. Paul Schrader
Notizen zum Film Noir
Gefolgt von einem Gespräch mit Paul Schrader
ca. 100 Seiten ca. 8,- Euro ISBN 978-3-88396-249-8
Eingeleitet und herausgegeben von Gabriel Ramin Schor
Bevor Paul Schrader als Drehbuchautor von Martin Scorseses Taxi Driver (1976) Filmgeschichte machte und später sich selbst als Regisseur wichtiger Filme wie American Gigolo, Cat People und Mishima etablieren konnte, schrieb er Anfang der 1970er Jahre profunde Kritiken, die schon längst von kanonischem Rang sind. Neben seiner viel zitierten Studie Transcendental Style in Film: Ozu, Bresson, Dreyer sind besonders seine Notes on Film Noir (1971) zu nennen, in denen er vor dem Hintergrund des New Hollywood eine präzise Bestimmung dieser stilistischen Formation unternimmt, wobei er schon zu Beginn einräumt: „Der Film Noir ist kein Genre.“ Dieser Essay, der auf Deutsch erstmals in der legendären Zeitschrift Filmkritik erschien, wird nun als eigenständiges Buch vorgelegt, ergänzt um ein Porträt des Kritikers Schrader und um ein eigens mit ihm geführtes Gespräch, in dem seine heutige Sicht auf das Thema zur Geltung kommt.
Gabriel Ramin Schor lehrt Geschichte und Philosophie der Kunst an der Kunstuniversität in Linz. Demnächst erscheint seine Monographie über Jean-Pierre Melville im Merve Verlag.
311. Imaginäres Eigentum
Mit Beiträgen von Étienne Balibar, Lawrence Liang, Brion Gysin, Sebastian Lütgert, Gabriele Schwab, u.a.
ca. 176 Seiten ca. 15,- Euro ISBN 978-3-88396-245-0
Herausgegeben von Florian Schneider
Waren Anonymität und Sachlichkeit prägend für den bürgerlichen Eigentumsbegriff, geht es heute offenbar um das Gegenteil: Im Zeitalter immaterieller Produktion, digitaler Reproduzierbarkeit und vernetzter Vervielfältigung müssen Eigentumsverhältnisse sichtbar gemacht werden, um sich überhaupt durchsetzen zu lassen. Eigentum existiert vor allem in seiner Bildhaftigkeit und wird in rasanter Geschwindigkeit zu einer Frage der Einbildungskraft. Was aber bedeutet es, ein Bild zu besitzen?
Der Band „Imaginäres Eigentum“ bringt Texte unterschiedlicher Autoren zusammen, die versuchen, die Debatte um so genanntes „geistiges Eigentum“ einmal nicht unter den üblichen moralischen, juristischen oder idealisierenden Gesichtspunkten zu führen, sondern ein paar Mal um die eigene theoretische Achse zu drehen, damit sie vom Kopf auf die Füße gestellt werden könnte.
307. Cord Riechelmann
Wald
ca. 128 Seiten ca. 10,- Euro ISBN 978-3-88396-241-2
Wälder gelten immer noch als das Außen der Kultur. Und wenn die Römer nicht irgendwann mit dem Limes eine Lichtung in den Wald geschlagen hätten, fänden sich hierzulande nicht einmal denkende und dichtende Oberförster auf den Holzwegen im Wald zurecht. Von Ernst Jünger über Martin Heidegger bis zur RAF wird der Wald, symbolisch aufgeladen, zum bevorzugten Ort einer kryptisch individualistischen Partisanenlyrik mit echten Waffendepots und wirklichen Hinrichtungen. Das war der Wald - zumindest der deutsche - schon auf Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Chasseur im Walde“ von 1813.
Man wird allerdings bei allen Genannten das Gefühl nicht los, dass sie einem den Wald nicht zeigen wollen, sondern dass sie lieber allein darin bleiben, ganz im Sinne der Bedeutung des lateinischen Verbs forestare: fernhalten, den Zutritt verwehren, ausschließen. Es ist aber an der Zeit, in den Wald zu gehen, um selbst zu schauen, was im Wald los ist, auch auf die Gefahr hin des Holzfrevels verdächtigt zu werden. Es geht darum zu sehen, wie etwa im Foret de Compiegne das cartesische Denken Wald geworden ist, wie in den tasmanischen Kaltregenwäldern das Spiel von Licht, Wasser und Moos ein ganz eigenes Grün hervorbringt und wie mit der Wanderpalme (Socratea exorrhiza) der tropische Regenwald Costa Ricas das Laufen lernte. Es geht in Wald also um die Wirklichkeit der Wälder unterhalb ihrer Symbole und Metaphern.
Cord Riechelmann, Biologe, Journalist, lebt in Berlin.
299. Gilles Clément
Die dritte Landschaft
Übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Anton Schutz. Mit zahlreichen
Abbildungen des Autors.
ca. 144 Seiten ca. 13,80 Euro ISBN 978-3-88396-233-7
Was geschieht, wenn Zweckprogramme, an deren überzeitlicher Geltung
noch gestern kein Zweifel bestehen konnte, heute mit der großen, für ökonomische
Entscheidungen typischen Plötzlichkeit wieder verschwinden?
Der Übergang zu Fragen dieser Ordnung lässt eine ganze Reihe noch immer
allseitig geehrter Konzeptionen im anachronistischen Licht einer Metaphysik
der Jungfräulichkeit erscheinen. Der Begriff der Natur als geschichtsresistenter
Antithese – was seinen Naturplatz einmal verloren hat, kann nicht mehr
dahin zurückkehren – wird unanwendbar. Was die Philosophie unter dem
Begriff der Technik gefasst hat, kommt in der Verfolgung seines Siegeszugs
mit den Folgen der eigenen Genesis in ständige Berührung. Die Handlungs- und
Widmungsprogramme der Politik und Ökonomie wechseln und oszillieren
– im selben Maß gewinnt die Figur des Rests, des aufgegebenen oder preisgegebenen
Materials oder Geländes die Macht des Alltäglichen. Dieser Rest
übernimmt damit eine Position der regelgewordenen Ausnahme, die nicht
mehr im strengen Sinn residual genannt werden kann. Eine nuova vita erscheint.
Deren Kategorien will Gilles Clément entwerfen.
Gilles Clément, Ingenieur der Landschaftsgärtnerei, Botaniker, Entomologe,
Schriftsteller und Lehrer an der École nationale du paysage de Versailles.