Holger Schulze

Heterotopie oder Hegemonie?

  • Rainer Maria Kiesow / Henning Schmidgen (Hg.): Das Irrsal hilft. Beiträge von Giorgio Agamben, Georges Canguilhem, Michel Foucault, Rainer Maria Kiesow, Henning Schmidgen, Fabian Stoermer, Roger Willemsen. Berlin: Merve 2004. 128 S. Kartoniert. EUR 9,80. ISBN: 3-88396-200-7.
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Katalognummer 266 der einflussreichen Merve-Reihe wendet sich ein weiteres Mal den Heterotopien, dem Erratischen und dem Inkommensurablen zu. Die Herausgeber Henning Schmidgen und Rainer Maria Kiesow legen dabei – unter dem Titel »Das Irrsal hilft« – den Auszug eines Textes neu auf, dessen Wirkung im avancierten Denken der letzten Jahrzehnte kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.

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Georges Canguilhem, der spätere Lehrer von Michel Foucault, unternahm in seiner Straßburger Doktorarbeit Le Essai sur le normal et le pathologique, geschrieben 1943 und mit einer Ergänzung 1966 erstmals veröffentlicht (deutsch unter dem Titel: Das Normale und das Pathologische, 1974) den Versuch, einen Begriff der Pathologisierung zu entwickeln. Damit hat er den Umgang jüngerer Theorie mit dem Abweichenden, Devianten und vermeintlich Pathologischen entscheidend vorgeprägt. Kiesow und Schmidgen wählen einen Abschnitt aus Canguilhems Arbeit, der vor dem Hintergrund der Mitte letzten Jahrhunderts bereits bedeutsamen Genetik und Informationstheorie einen Krankheitsbegriff propagiert, der eine zweiwertige Logik hinter sich lässt und demgegenüber die Kontingenz genetisch bedingter Anomalien betont. Pathologisches gerät so nicht mehr zum grundlegenden, individuell verschuldeten Versagen in der Existenz, sondern zu einem durchaus produktiv wirksamen Lesefehler aufgrund biologischer Mechanismen.

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Jenseits der großen Dichotomisierungen

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Der Rahmen dieses Denkens ist eine Sichtweise, die im Merve Verlag in den letzten Jahren besonders durch die verdienstvollen Erstübersetzungen der Studien des französischen Sinologen und Philosophen François Jullien Raum gegriffen hat. Ein Denken, das sich den spektakulären Entscheidungssituationen, den Momenten der Wahrheit und den großen, heroischen Dichotomisierungen verweigert – und auf einer Art von prädichotomischer Immanenz beharrt. Ein Denken, das die dramatische Differenz zwischen Wahrheit und Lüge, richtig und falsch, korrekt und inkorrekt entfragt und sich vielmehr auf einen davor liegenden fonds (Jullien) oder Hintergrund des Denkens bezieht. Eine Denksituation, in der weder von Wahrheit noch von Lüge im engeren Sinne gesprochen werden kann.

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Um den erwähnten Neuabdruck herum gruppiert Das Irrsal hilft nun – in größerer oder geringerer Distanz zu Canguilhems Thema und Position – einige kurze Beiträge anderer Autoren.

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Eingeleitet wird der Band von einem furiosen Auftakt durch Giorgio Agamben, der dieses nicht-dichotomisierende, nicht-dramatische Denken in einem Vortrag aus dem Jahr 1997 vorführt: am Beispiel eines spätscholastischen Denkens, das den Wahrheitsbegriff auf ähnliche Weise entfragt. Ein Denken, das Agamben direkt rückbezieht auf eine späte Hommage Foucaults an Canguilhem, kurz vor Foucaults Tod. Foucault selbst bestreitet das Finale dieses Bändchens mit seinem anderen Text, dem Vorwort zur englischen Übersetzung von Canguilhelms Le Essai sur le normal et le pathologique aus dem Jahr 1978. Ein Text, dessen Präzision und historische Genauigkeit in seiner Analyse von Canguilhelms Denken und wissenschaftshistorischer Position auch in diesem kleinen, peripheren Umfeld, einen Leser atemlos zurücklassen kann.

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Fehllektüren und deviantes Denken

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Eingerahmt von diesen großen Denkern des Merve Verlages finden sich Beiträge der Herausgeber. Rainer Maria Kiesow etwa legt in einem 1998 erschienenen Text ausgehend von der Frage, ob es Fehlurteile tatsächlich gäbe, den nur höchst begrenzte Gültigkeit und keineswegs Endgültigkeit beanspruchenden Status richterlicher Urteile dar – am Beispiel von Heinrich von Kleists letzter Erzählung Der Zweikampf (1811). Die Wahrheitsfrage der Jurisdiktion wird hier im Rückgriff auf Luhmann, Schmitt und Rechtstheoretiker der letzten zweihundert Jahre wiederum auf ähnliche Weise entfragt wie die Dichotomisierungen der Pathologie durch Canguilhem. Es entschwindet der Anspruch auf Gerechtigkeit durch Rechtsurteile, die ihr Ende laut Kiesow nur höchst »kontingent (und nicht etwa beliebig)« (37) finden könnten.

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Henning Schmidgen berichtet – situativ eingebettet in die Erzählung philologischer Bibliotheksarbeit – von dem Weg, den eine fehlerhafte Übersetzung des husserlschen Begriffs der Ausschaltung (fehlgelesen als Aufhaltung) in der Promotionsschrift Lacans von 1932 (1975 auf Französisch neu aufgelegt und 2002 erstmals auf Deutsch übersetzt) genommen hat; und wie diese Fehllektüre in Lacans Denken einen gedanklichen Hintergrund in deutschen Denkern des Psychischen sichtbar macht. Ernst Kraepelin, Eugen Bleuler, Otto Bumke, Max Scheler und Ernst Kretschmer werden so als Quellen sichtbar – vor allem in Hinblick auf die schlagende Parallele von Lacans Trias Reales, Imaginäres, Symbolisches zu Kretschmers Dreiheit Erlebnis, Charakter, Umwelt.

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Den Beiträgen der beiden Herausgeber folgt der einzige Originalbeitrag dieses Bandes, eine Auslegung des Hölderlin-Gedichtes Brod und Wein durch Fabian Stoermer, dem auch der Buchtitel entnommen ist. ›Das Irrsal hilft‹ wird hierbei als Signatur der lebenslangen Suche Hölderlins nach einem anderen Denken verstanden, das deviant als Wahnsinn gekennzeichnet wurde; die Biographie Hölderlins wie auch die Ausdeutungen und Schriften von Blanchot und Heidegger dienen Stoermer hierbei als Belege.

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Den schwächsten Beitrag, so ist leider zu konstatieren, legt Roger Willemsen vor. Anthologie-dramaturgisch geschickt an die zweite Stelle nach Agambens Auftakt eingesetzt, wohlinszenierter Auftritt dieser medialen Intellektuellen-Persona, bleibt Willemsens Text jedoch selten mehr als eine etwas ziellose, nicht selten im schlechten Sinne feuilletonistische Aneinanderreihung von Anekdoten über Lese- und Verständnisfehler beim Übersetzen und Dolmetschen.

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After Theory?

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Die Schwäche dieses einzelnen Textes weist dabei auf eine Gefahr hin, der das vorliegende Bändchen – als kleines Doppel-Tombeau für Canguilhem und Foucault zu dessen 20. Todestag – mit mervegewohnter Stilsicherheit sich zwar zu entziehen weiß; die aber drohend über ihm und vielen, zunehmend alternden Denkfiguren hängt, die sich herleiten aus ehedem avantgardistischen Denkrichtungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine Gefahr und ein Zweifel, auf den auch Terry Eagleton aktuell in After Theory hinweist:

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Genügt es tatsächlich, das Ungenügen, das an vermeintlich oder auch de facto hegemonialen Denkformen empfunden wird, rein erkenntnistheoretisch mit einer Apologie des ebenso vermeintlich Nicht-Hegemonialen, des sich als Anregend-Umständlichen, -Verqueren oder -Uneinheitlich Darstellenden und Marginalisierenden zu beantworten? Gefällt sich eine solche Denkhaltung nicht allzu leicht in der Haltung der Antiquitäten- und Skurrilitätenhändlerin, der leicht schrulligen und wohltuend verantwortungslosen Privatarchäologin der Philosophie? Und verschleiert sie damit nicht – auch vor sich selbst? – ihre eigene, kaum mehr zu übersehende Hegemonie in den für sie wirkungsrelevanten Institutionen und Publikationsorganen?

Quelle