Berliner Republik 3/2001
Kommt jetzt die "Generation Kassel"?
Der Soziologe Heinz Bude ist nett. Aber verdrossen. Die von ihm erfundene "Generation Berlin" entwickelt sich nicht zu seiner Zufriedenheit / VON SUSANNE GASCHKE
Das wirklich Sympathische an Heinz Bude, dem
Hamburger Soziologen mit Berliner Wohnsitz (und aktuellem Ruf an die
Universität Kassel) ist die Tatsache, dass er letzten Endes und
trotz allem doch immer Sozialdemokrat bleibt.
Seine Rede mag manchmal dunkel sein ("die Stadt [Berlin] wird ins
Symbol einer Zukunft aus Vergangenheit gestürzt, das an seiner
Gegenwart vorbeigeht"), und seine Überlegungen zu den "neuen
Überflüssigen", zur historischen Abtrennung der Berliner
Republik vom Dritten Reich durch den Puffer der Bonner Republik oder
zur künftigen Rolle der Hauptstadt mögen bisweilen,
jedenfalls für Linksliberale, ein wenig bedrohlich klingen.
Eigentlich aber möchte Bude nicht, dass es irgendwelchen
Überflüssigen schlecht geht; er will keine blöden
Nazi-Vergangenheits-Ignoranten herumlaufen haben und wohl auch nicht
wirklich, dass Berlin aufhört, "zu harmlos für den neuen
Kapitalismus" zu sein.
Gleichwohl gibt er sich alle Mühe, seine eigene Harmlosigkeit zu
verschleiern; vielleicht, um die Mitglieder der Generation Berlin
aufzurütteln. Diese sollten den Achtundsechzigern endlich die
Definitionsmacht im gesellschaftlichen Diskurs entwinden und neue
Themen festlegen - "jenseits von Formschwäche und
Identitätswahn". So jedenfalls hatte Bude, der die Generation
Berlin erfunden, oder vielleicht eher: frühzeitig geschaut hat,
noch vor ein paar Jahren seine Erwartungen an jene Leute formuliert,
die so alt wie er selbst oder jünger sind - und einmal die
Geschichte der Berliner Republik lenken wollen.
Im Kaffeehaus waren noch Plätze frei
Diese ihnen aufgetragene Entwicklungsaufgabe schien berechtigt und
bewältigbar zu sein - schließlich war nach 1989 endlich der
Realsozialismus so gründlich diskreditiert, dass die Älteren
die Jüngeren jedenfalls nicht mehr mit der Diskursherrschaft
über abstruse sozialistische Theoriemodelle unterdrücken
konnten. Die Wiedervereinigung verlangte nach einer Aktualisierung des
nationalen Selbstverständnisses - ohne dass man dabei, wie es die
Achtundsechziger natürlich zuverlässig taten, gleich
Größenwahn und Rückfall in die Barbarei befürchten
musste. Und Berlin als neue Hauptstadt bot einfach eine wunderbare
Projektionsfläche für die Hoffnungen und Träume junger
Leute; es stand für Aufbruch und Neuanfang; für die
friedliche Koexistenz von Metropolenprotz und provinzieller
Bodenständigkeit; für den ganz realen Triumph der Demokratie
über den Totalitarismus. Alle Zugezogenen hatten im
wiedervereinigten Hauptstadtberlin gleiche Ausgangsbedingungen: junge
und alte Abgeordnete, Korrespondenten, Soziologen. In den
Fraktionssitzungssälen und Kaffeehäusern gab es noch keine
Stammplätze. Empirisch ließ sich durchaus ein Hauptstadtsog
ausmachen, der junge Galeristen, Verleger und Theaterleute anzog -
überhaupt alle, die ihre Rolle als gewichtige Intellektuelle mit
einem Berliner Broterwerb verbinden konnten.
Die Hoffnungen der frühen Jahre
Gute Voraussetzungen also für einen neuen Definitionsversuch, wie
man deutsch aber glücklich sein könnte. Und welche Probleme
dieses Land eigentlich hat. Die soziale Realität, die es in der
Hauptstadt zu besichtigen gab, so lautete die - heute muss man wohl
zugeben: etwas naive - Feuilletonhoffnung der Gründerjahre, werde
in der politisch-journalistischen Klasse den Blick für die
Wirklichkeit schärfen: für soziale Gegensätze, für
Verständigungsschwierigkeiten zwischen Ost und West, für
Konflikte zwischen Einwanderern und Einwohnern. Auf diese Pointe
läuft jetzt noch einmal ein Text von Heinz Bude in den Berliner
Seiten der Frankfurter Allgemeinen vom 16. März 2001 hinaus, mit
dem er sich im Übrigen auf eigentümliche Weise von seiner
Generation Berlin distanziert, ja eigentlich ihre Auflösung
erklärt, bevor man sie so recht hat wahrnehmen können: Berlin
sei, siehe oben, zu harmlos für die Herausforderungen des neuen
Kapitalismus. Wer in Ruhe etwas lernen und sich relativ günstig
vergnügen wolle, komme hierher, "aber wer noch etwas vorhat, sucht
Orte auf, wo die Musik der Gegenwart ohne vorfinanzierte
‚Strukturanpassung′ gespielt wird", schreibt Bude. Das mag so sein, und
vielleicht ist er dem trägen Zeitgeist wieder weit voraus.
Womöglich stimmt es aber auch nicht.
In der Provinz jedenfalls entdecken sie gerade jetzt, nach elf Jahren,
dass die Hauptstadt neuerdings Berlin heißt, dass sie groß
und aufregend ist und dass man dorthin auch fahren kann -
natürlich an den Kudamm. Der Mythos "Mitte" hat die westdeutschen
Zahnärzte bisher gar nicht erreicht. Da mutet es irgendwie unfair
an, "der Bevölkerung" ihr neues Metropolensymbol sofort wieder
wegzuschreiben. Doch das ist nur ein Randaspekt.
Die Frage war ja, ob sich eine neue Definitionsmacht-Generation
etablieren konnte, und da lautet die Antwort im Augenblick wohl
eindeutig: nein. Es gibt einzelne Versuche, vor allem journalistische
Projekte, zu denen sich gewiss auch, in aller Bescheidenheit, diese
Zeitschrift zählen kann. Auch das Netzwerk der jungen
SPD-Abgeordneten gehört in diesen Kontext. Allerdings: Viel mehr
als dass es sie gibt, dass sie sozusagen eine politische
Möglichkeit verkörpern und dass allein diese Möglichkeit
die politisch Etablierten in der SPD provoziert, haben sie noch nicht
vorzuweisen. Einzelne tragfähige Stimmen: ja. Aber auch viel
parteikonformes Geschwurbel, das in Bonn kein bisschen anders geklungen
haben würde. Und ein kohärentes Weltbild, ein
zusammenhängender politischer Entwurf: eindeutig nein. Das gilt
freilich weit über den SPD-Zusammenhang hinaus: Auch die
Generation Golf ist ja keine adäquate Antwort auf die Frage, wie
die Welt der Nachachtundsechziger aussehen könnte und müsste.
An der Macht die tollen Kerle
Berlins Neuanfangswert wird, das konnte man vor ein paar Jahren
offenbar leicht unterschätzen, relativiert durch die Tatsache,
dass die Achtundsechziger zwar vor 1998 schon Diskussionen verstopft
hatten - dass sie aber erst seit 1998 wirklich an der Macht sind, von
Gerhard Schröder bis Joscha Schmierer. Wie wenig sie selbst und
ihre Altersgenossen in der Lage sind, die eigene Geschichte, vor allem
aber die Nebenkosten der viel gepriesenen Emanzipationsgewinne,
kritisch zu reflektieren, hat die jüngste Debatte um Joschka
Fischer gezeigt: Nostalgie auf der ganzen Linie,
Was-waren-wir-für-tolle-Kerle-Romantik.
Die Modernisierer folgen dem Kanzler
Die Opposition setzt dem nichts Ernsthaftes entgegen: Die
Merkel-März-CDU bemüht sich vielmehr geradezu verzweifelt
darum, exakt die gleiche Modernität vorzuführen, von der sie
vermutet, dass sie Schröder gutgeschrieben werde. Und wo es
tatsächlich um heikle, also wichtige Fragen wie die Einwanderung
oder den Umgang mit dem Rechtsextremismus geht, verharrt sie in einer
ganz vordergründigen Pose des Auftrumpfens. Die SPD hat mit ihrem
scheinbar mühelosen Übergang vom
Traditions-Achtundsechzigertum zur neuen technokratischen
Modernität in Gestalten wie Franz Müntefering oder Wolfgang
Clement eine Menge kritisches Potential im eigenen Lager quasi im
Vorgriff eingesammelt: Modernisierungsgerede wäre als Weg zur
Erlangung der Diskursherrschaft ja denkbar gewesen. Doch wie es
aussieht, sind die Generation-Berlin-fähigen "Modernisierer" wie
Ute Vogt oder Hans-Martin Bury heute allesamt brave Kanzlergefolgsleute.
Dieses Fehlen neuer kritischer Stimmen, die der
"Alles-wird-gut-neue-Computer-neue-Mitte"-Verheißung
widersprechen, könnte man in der Tat beklagen. Unbearbeitet sind
nach wie vor zentrale Fragen, die über die Qualität unseres
künftigen Zusammenlebens entscheiden werden: Was bedeutet die
demografische Entwicklung wirklich, im Alltag, für unser Land?
Mehr Ein-wanderung, lautet die wohlfeile Antwort auf dieses Problem,
doch: Was heißt das? Wo wird über die massiven
Schwierigkeiten, die es schon heute zwischen Deutschen und
Ausländern gibt, offen geredet - mit dem Ziel, sie
tatsächlich auszuräumen? Wie ehrlich ist der gängige
Integrationsbegriff der Linken?
Ein anderes Beispiel: Die Misere des Bildungswesens lässt sich
weder mit Computermangel noch damit erklären, dass den Kindern in
der Grundschule kein Englisch beigebracht wurde. Vielmehr zahlen wir
heute den Preis für jahrelange Irrungen und Wirrungen im Zuge der
"inneren Schulreform". Sie gehen weitgehend auf die Konten
sozialdemokratischer Landesregierungen. Wer führt den
(selbst-)kritischen Diskurs, um diesen Missständen ernsthaft
abzuhelfen? Was hat die SPD, außer
Anti-Drückeberger-Rhetorik, mit jenen vor, die aus eigenem
Verschulden, durch die nachlassende Erziehungsfähigkeit der
Gesellschaft, durch Begabungsdefizite und durch die Veränderungen
des Arbeitsmarktes zu geregelter Beschäftigung nicht fähig
sind? Mit den, in der Tat, "neuen Überflüssigen"? Wie
realistisch ist eigentlich die stets beschworene "Vereinbarkeit von
Familie und Beruf"? Ist sie sozialkostenneutral zu haben, oder ereilt
uns in ihrem Gefolge eine Erziehungskatastrophe?
Filzkostüme aus dem Hinterhof
Sonderbarerweise ist es nicht ihre Sprachlosigkeit, die Bude an der
Generation Berlin irre werden lässt: Nicht, dass sie ihre Aufgabe
nicht erfüllte. Nein, Budes Verdruss scheint mehr in der Stadt
selbst begründet zu liegen: So aufregend ist sie gar nicht, der
Potsdamer Platz zwar "ein Ort des Massenkonsums, aber keine
Agglomeration von Firmenzentralen mit weltweiten Kommandofunktionen".
Irgendwie gibt es, laut Bude, in Berlin nicht genug richtige Industrie,
um die "neuen Ideen" der Wissenselite in die Praxis umzusetzen. Um
"modellfähig" zu werden, müsse die Stadt "sich als Ausdruck
einer politischen Ökonomie begreifen, die aus Mobilität und
Heterogenität ganz eigene Quellen der Wertschöpfung
entwickelt". Das klingt ein wenig nach einer
Bertelsmann-Stiftung-Broschüre, selbst wenn Bude den netten
Einfall nachschiebt, Ort dieser "Berliner Komplexität" könne
der "Hinterhof" sein, wo eine "Generation des experimentellen
Kapitalismus" Boutiquen für on-demand genähte und online
vertickte Designerkostüme aus Filz unterhält.
Wenn man das für die einzige verbliebene Aufgabe der Generation
Berlin hielte, täte man tatsächlich gut daran, den Begriff
schleunigst aufzugeben - er wäre dann ein Designstück von
ähnlichem Nutzwert wie die Filzkostüme. Aber wahrscheinlich
möchte Heinz Bude auch das nicht wirklich. Sein Buch zur
Generation Berlin jedenfalls erscheint noch. Im Berliner Merve Verlag.
Für 16 Mark. 
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