Neue Zürcher Zeitung, 06.07.2005, Nr. 155, S. 45

Feuilleton

AA Auswärtige Autoren
Leben wie im Experiment
Wissenschaftshistorische Essays
von Hans-Jörg Rheinberger


Einen Gesprächsfaden knüpfen zwischen zeitgenössischer französischer Philosophie einerseits und moderner molekularbiologischer Forschung andererseits - auf diese Formel liesse sich Hans-Jörg Rheinbergers anspruchsvolles wissenschaftshistorisches Projekt bringen. Den Grundzügen der "Grammatologie" Jacques Derridas die Treue haltend, fordert der Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin auch in seiner jüngsten Publikation dazu auf, der Schrift den gebührenden Vorrang vor dem gesprochenen Wort zu gewähren; und also sollte man weniger den Vollzug eines Gesprächs als vielmehr das Protokoll einer Umschrift erwarten. Zu nicht näher bezeichneten "Iterationen" bekennt sich denn auch der Kurztitel, den Rheinberger für seine Aufsatzsammlung gewählt hat.

Die Schreibmaschine des Seins

Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache: So hat es Gadamer bekanntlich formuliert, und so mag es sich durchaus verhalten. In seiner Materialität beruhe Sein indessen nicht auf Sprache, sondern auf Schrift. Rheinberger sagt es so: "Wo das Sein schliesslich zum Sprechen kommt, zum Wort, (. . .) da hat es bereits einen wohl drei Milliarden Jahre dauernden biologischen Inskriptionsprozess gegeben." Der Semantik der Wesen liege eine "stereochemische Schrift" zugrunde. Auf der unablässigen Replikation und permanenten Rekombination des stereochemischen Alphabets scheint das Leben zu beruhen. Rheinberger nennt es, in Anlehnung an Derridas "différance", einen Prozess "differenzieller Reproduktion" - und meint damit ein gleichsam kosmisches Unternehmen fortgesetzter Umschrift. Nicht anders verhalte sich, so die Pointe, was im Labor als Wissenschaftspraxis sich abspiele.
Ein Gen lasse sich nicht in ein Gespräch verwickeln, es müsse zuallererst (mittels Sequenz-Gel) in ein Graphem verwandelt werden. Der Molekularbiologe "arbeitet nicht mit den Genen der Zelle als solchen, er arbeitet mit experimentell in einem Repräsentationsraum produzierten Graphemen". Möchte der Molekularbiologe wissen, was besagte Grapheme zu bedeuten haben, so "hat er keine andere Möglichkeit, als diese Artikulation von Graphemen durch eine andere zu interpretieren". Auf ein Graphem folgen unweigerlich weitere Grapheme. Aber welche werden schliesslich, so möchte man fragen, den tieferen Einblick in die Mechanik des Lebens gewähren, während andere in die Schublade der Bedeutungslosigkeit sinken?

Bricolage

Wissenschaft und Leben: Das ist das dämonische Thema, das sowohl Nietzsche als auch Max Weber ein Leben lang umtrieb. Bei Rheinberger erscheint der Widerspruch erneut - und findet seine Aufhebung in einer verblüffenden Aussage: Von der Logik der Forschung zur Logik des Lebens ist es nur ein kleiner Schritt. Eine Art Bricolage-Technik stehe am Anfang sowohl jedes neuen Wissens als auch jedes neuen Lebens. "Die Hervorbringung neuer Phänomene", so Rheinberger in seinen Ausführungen zum Experiment in der Naturwissenschaft, "ist notwendigerweise an die Miterzeugung bereits bekannter geknüpft." Just wie die Evolution erscheint das Experiment als "eine fortlaufende und ununterbrochene Kette von Ereignissen", durch welche "die materiellen Bedingungen für die Fortsetzung eben dieses Prozesses" - der "differenziellen Reproduktion" - gewährleistet würden.
In seinem Aufsatz zur Aufmerksamkeit in der naturwissenschaftlichen Forschungspraxis postuliert der Autor eine eigentliche Wahlverwandtschaft zwischen der Technik des Experiments und der Logik der Evolution. Welche "Kette von Ereignissen" sich im Einzelnen schliesslich bildet, sowohl in der Forschung als auch im Leben, darüber schweigt sich Rheinberger freilich aus. Er fügt bloss hinzu, dass es im Prozess der "differenziellen Reproduktion" kein notwendiges Verhältnis von Ursache und Wirkung, "keine automatische Entwicklung, keine vorbestimmte Richtung" gebe. Eine abschliessende Verständigung zwischen Wissenschaft und Leben darf man sich von dieser Einsicht indessen kaum versprechen, einen Leitfaden zur Nüchternheit aber durchaus.
Hans-Jörg Rheinberger:
Iterationen. Merve-Verlag, Berlin 2005. 128 S., Fr. 18.-.
Carlo Caduf