Allerlei
mehr oder weniger produktive Irrtümer finden sich in einem
Merve-Bändchen versammelt
In
diesem Buch mit seinem merkwürdigen Titel -
Das Irrsal hilft
- und seinen ganz unterschiedlichen Beiträgen - manche
heiter-ironisch, die meisten nicht, manche an literarischen Modellen,
Kleist und Hölderlin, orientiert, manche philosophisch - soll die
Kategorie des Irrtums geadelt werden. Man könnte auch sagen: die
Produktivität des Irrtums herausgearbeitet, die Unvermeidlichkeit
der Bewegung des Irrens.
Vermutlich absichtsvoll haben die Herausgeber auf eine Einleitung
verzichtet: Orientierungshilfe im Irrsal? Eine solche wäre dennoch
hilfreich gewesen, denn der rote Faden "Irrsal" hilft dem
unvorbereiteten Leser nicht unbedingt. Den Anfang machen könnte
dieser mit einem Text zu Hölderlin, in dessen Gedicht "Brod und
Wein" sich die Worte finden: "Aber das Irrsal/ Hilft…".
Fehllektüren
wagen
Sie dienen als Titelgeber nicht nur dieses Bändchens, sondern auch
einer Arbeitsgruppe der Jungen Akademie, die sich mit (produktiven)
Missverständnissen, "Fehl"- Lektüren und Irrsalen bei der
Übersetzung materieller Kulturen beschäftigt. Der Text zu
Hölderlin bringt schöne Zitate, eine Interpretation des
Irrsals im Rahmen von Werk und Leben des Dichters und reflektiert in
Richtung einer negativen Dialektik.
Agamben votiert in einem kurzen, gedrängten Text philosophisch
für den Irrtum. Gegen einen Wahrheitsbegriff, dem es um
angemessene und richtige Erkenntnis ginge, setzt er "die Irre", wie es
bei Heidegger heißt, ein stets erneuertes Irren, Wahrheit als
Bewegung, Eröffnen von Neuem, aber auch von Falschem.
Agamben verweist auf Foucault. "Letztlich ist das Leben das, was zu
Irrtum fähig ist", heißt es bei diesem; das lässt sich
auch existenziell oder historisch verstehen (eine Richtung, die auch
der Text von Kiesow zu juristischen Irrtümern und Fehlurteilen
einschlägt), wie im folgenden Zitat noch deutlicher wird: "…dass
das Leben mit dem Menschen zu einem Wesen geführt hat, das sich
nie ganz an seinem Platz befindet, das dazu verurteilt ist, zu ,irren'
und das letztlich zum ,Irrtum' bestimmt ist."
Die Anführungszeichen machen deutlich, dass so ganz behaglich es
einem bei der positiven Besetzung des Irrtums (oder -sals) nicht sein
kann. Letztlich ein Konflikt zwischen zwei Denkrichtungen, die eine an
Heidegger, Foucault orientiert, die andere an analytischer Philosophie
und Habermas, die eine mit Zweifel an der Vernunfthaltigkeit der
Wahrheit, die andere Vernünftigkeit und Wahrheit identifizierend.
Den Irrtum "in" der Biologie untersucht Canguilhem; diesmal nicht
emphatisch, denn diesem Epistemologen war es nie um philosophische
Panoramen zu tun, sondern um konkrete, regionale Begriffe und ihre
Entstehung. Er hat seine Untersuchungen dem Normalen und Pathologischen
gewidmet, dem Reflex, dem Milieu der Monster und der Monstrosität,
der Zelle. Irrtum meint in der Biologie genetischen Irrtum,
Ablesefehler, Mutation. Hier sieht Canguilhem schon recht weit in die
damals noch fernere Zukunft (unsere Gegenwart).
Cogito
und Wahrheit
Foucault weist auf das scheinbare Paradox hin, dass Canguilhem einen
wichtigen Einfluss auf die französische Nachkriegsphilosophie
gehabt hatte, obwohl er an keiner der großen philosophischen
Debatten beteiligt war. Andererseits sieht er Canguilhems Werk in der
Tradition der Aufklärung, aber einer, die - ähnlich der
Frankfurter Schule, so Foucault - an der Dezentrierung des Cogito
arbeitet. Cogito und Wahrheit dezentriert und in der Irre, aber dennoch
nicht ganz weg, eine begriffliche Spannung, die - sofern man selbst
Wahres sagen will - nicht so leicht zu halten und durchzuhalten ist.
Auch das Irrsal ein
work in progress. "Woran arbeiten Sie?"
wurde Herr Keuner gefragt. Herr Keuner antwortete: "Ich habe viel
Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.'"
Rainer Maria Kiesow / Henning Schmidgen (Hrsg.): "Das Irrsal
hilft."
Merve Verlag,
Berlin 2004, 126 Seiten, 9,80 Euro.