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Neues eröffnen
Allerlei mehr oder weniger produktive Irrtümer finden sich in einem Merve-Bändchen versammelt
VON GUSTAV ROßLER

In diesem Buch mit seinem merkwürdigen Titel - Das Irrsal hilft - und seinen ganz unterschiedlichen Beiträgen - manche heiter-ironisch, die meisten nicht, manche an literarischen Modellen, Kleist und Hölderlin, orientiert, manche philosophisch - soll die Kategorie des Irrtums geadelt werden. Man könnte auch sagen: die Produktivität des Irrtums herausgearbeitet, die Unvermeidlichkeit der Bewegung des Irrens.

Vermutlich absichtsvoll haben die Herausgeber auf eine Einleitung verzichtet: Orientierungshilfe im Irrsal? Eine solche wäre dennoch hilfreich gewesen, denn der rote Faden "Irrsal" hilft dem unvorbereiteten Leser nicht unbedingt. Den Anfang machen könnte dieser mit einem Text zu Hölderlin, in dessen Gedicht "Brod und Wein" sich die Worte finden: "Aber das Irrsal/ Hilft…".

Fehllektüren wagen

Sie dienen als Titelgeber nicht nur dieses Bändchens, sondern auch einer Arbeitsgruppe der Jungen Akademie, die sich mit (produktiven) Missverständnissen, "Fehl"- Lektüren und Irrsalen bei der Übersetzung materieller Kulturen beschäftigt. Der Text zu Hölderlin bringt schöne Zitate, eine Interpretation des Irrsals im Rahmen von Werk und Leben des Dichters und reflektiert in Richtung einer negativen Dialektik.

Agamben votiert in einem kurzen, gedrängten Text philosophisch für den Irrtum. Gegen einen Wahrheitsbegriff, dem es um angemessene und richtige Erkenntnis ginge, setzt er "die Irre", wie es bei Heidegger heißt, ein stets erneuertes Irren, Wahrheit als Bewegung, Eröffnen von Neuem, aber auch von Falschem.

Agamben verweist auf Foucault. "Letztlich ist das Leben das, was zu Irrtum fähig ist", heißt es bei diesem; das lässt sich auch existenziell oder historisch verstehen (eine Richtung, die auch der Text von Kiesow zu juristischen Irrtümern und Fehlurteilen einschlägt), wie im folgenden Zitat noch deutlicher wird: "…dass das Leben mit dem Menschen zu einem Wesen geführt hat, das sich nie ganz an seinem Platz befindet, das dazu verurteilt ist, zu ,irren' und das letztlich zum ,Irrtum' bestimmt ist."

Die Anführungszeichen machen deutlich, dass so ganz behaglich es einem bei der positiven Besetzung des Irrtums (oder -sals) nicht sein kann. Letztlich ein Konflikt zwischen zwei Denkrichtungen, die eine an Heidegger, Foucault orientiert, die andere an analytischer Philosophie und Habermas, die eine mit Zweifel an der Vernunfthaltigkeit der Wahrheit, die andere Vernünftigkeit und Wahrheit identifizierend.

Den Irrtum "in" der Biologie untersucht Canguilhem; diesmal nicht emphatisch, denn diesem Epistemologen war es nie um philosophische Panoramen zu tun, sondern um konkrete, regionale Begriffe und ihre Entstehung. Er hat seine Untersuchungen dem Normalen und Pathologischen gewidmet, dem Reflex, dem Milieu der Monster und der Monstrosität, der Zelle. Irrtum meint in der Biologie genetischen Irrtum, Ablesefehler, Mutation. Hier sieht Canguilhem schon recht weit in die damals noch fernere Zukunft (unsere Gegenwart).

Cogito und Wahrheit

Foucault weist auf das scheinbare Paradox hin, dass Canguilhem einen wichtigen Einfluss auf die französische Nachkriegsphilosophie gehabt hatte, obwohl er an keiner der großen philosophischen Debatten beteiligt war. Andererseits sieht er Canguilhems Werk in der Tradition der Aufklärung, aber einer, die - ähnlich der Frankfurter Schule, so Foucault - an der Dezentrierung des Cogito arbeitet. Cogito und Wahrheit dezentriert und in der Irre, aber dennoch nicht ganz weg, eine begriffliche Spannung, die - sofern man selbst Wahres sagen will - nicht so leicht zu halten und durchzuhalten ist. Auch das Irrsal ein work in progress. "Woran arbeiten Sie?" wurde Herr Keuner gefragt. Herr Keuner antwortete: "Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.'"

Rainer Maria Kiesow / Henning Schmidgen (Hrsg.): "Das Irrsal hilft." Merve Verlag, Berlin 2004, 126 Seiten, 9,80 Euro.

Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005
Erscheinungsdatum 29.03.2005