Inhalt
Tourist im Hawaiihemd
Kultur als Heimat Hypertext und Hyperkultur
Eros der Vernetzung
Fusion Food
Hybridkultur
Hyphenisierung der Kultur
Zeitalter der Vergleichung
Entauratisierung der Kultur
Pilger und Tourist
Windows und Monaden
Odradek
Hyperkulturelle Identität
Inter-, Multi- und Transkulturalität
Aneignung
Zum langen Frieden
Kultur der Freundlichkeit
Hyperlog
Wanderer
Schwelle
Ted Nelson, der
Erfinder des Hypertexts, sieht diesen nicht auf die Ebene des digitalen
Textes
beschränkt. Die Welt selbst ist hypertextuell. Die Hypertextualität ist
die "wahre Struktur der Dinge".
"Everything is", so Nelsons berühmtes Wort, "deeply intertwingled".
Alles ist mit allem verknotet oder vernetzt. Es gibt keine isolierten
Wesenheiten:
"In an important sense there are", so Nelson weiter, "no 'subjects' at
all". Weder der Körper
noch das Denken folgt einem linearen Muster: "Unfortunately, for
thousands of years the idea of
sequence has been too much with us (...) The structure of ideas is
never sequential;
and indeed, our thought processes are not very sequential either."
Die Struktur des Denkens (structure of thought) ist ein "interwoven
system of ideas
(what I like to call a structangle)". Tangle bedeutet Gewirr oder
Knoten. Trotz ihrer Komplexität
unterscheidet sich die Netzstruktur der Wirklichkeit vom Chaos. Sie ist
eben ein struc-tangle,
ein strukturiertes Gewirr. Lineare und hierarchische Strukturen oder
geschlossene, unveränderliche
Identitäten sind Ergebnisse eines Zwanges:
"Hierarchical and sequential structures (...) are usually forced and
artificial." Der Hypertext
verspricht eine Freiheit von Zwängen. Nelson schwebt ein
hypertextuelles Universum vor, ein
Netzwerk ohne Zentrum, in dem eine Art Massenhochzeit stattfindet: "The
real dream is for
'everything' to be in the hypertext."
Nelson nennt sein hypertextuelles System "Xanadu". So heißt auch der
sagenhafte Ort in Asien, an
dem der mächtige Herrscher Kubla Kahn mitten in einem herrlichen Garten
ein prächtiges Lustschloß
erbauen ließ. Der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge besingt in
seinem Fragment gebliebenen
Gedicht "Kubla Kahn" diesen sagenhaften Ort. Nelson muß von Coleridges
Vision fasziniert gewesen
sein. In "Dream Machines" beruft er sich ausdrücklich auf sein
Traumfragment. So erhält sein
Hypertext, sein "Xanadu" etwas Traumhaftes.
Nelson hat auch Skizzen für seinen Xanadu-Palast angefertigt. Vor dem
Eingang des riesigen
burgartigen Gebäudes "Local Xanadu Stand" läßt er ein überdimensionales
X sich erheben. Das
goldene X, das vor jeder Xanadu-Filiale emporragt, weist gewisse
Ähnlichkeiten mit dem goldenen M
von McDonald's auf. Die User, die es betreten, heißen
bezeichnenderweise "Travellers", die ihren
Hunger stillen wollen: "The Golden X's welcome the mindhungry
traveller." Mit einem "Hyperwelcome"
werden die hungrigen Reisenden im Hypermarkt des Wissens und der
Information begrüßt.
Die "intertwingularity" oder das "structangle" charakterisiert auch die
Kultur von heute. Die Kultur
verliert zunehmend jene Struktur, die der eines konventionellen Textes
oder Buches gleicht. Keine
Geschichte, keine Theologie, keine Teleologie läßt sie als eine
sinnvolle, homogene Einheit
erscheinen. Die Grenzen oder Umzäunungen, denen der Schein einer
kulturellen Authentizität oder
Ursprünglichkeit aufgeprägt ist, lösen sich auf. Die Kultur platzt
gleichsam aus allen Nähten, ja aus
allen Begrenzungen oder Fugen. Sie wird ent-grenzt, ent-schränkt,
ent-näht zu einer Hyper-Kultur.
Nicht Grenzen, sondern Links und Vernetzungen organisieren den
Hyperraum der Kultur.
Der Globalisierungsprozeß, beschleunigt durch neue Technologien,
ent-fernt den kulturellen Raum.
Die dadurch entstandene Nähe erzeugt eine Fülle, einen Fundus
kultureller Lebenspraktiken und
Ausdrucksformen. Der Globalisierungsprozeß wirkt akkumulierend und
verdichtend. Heterogene
kulturelle Inhalte drängen sich in einem Nebeneinander. Kulturelle
Räume überlagern und
durchdringen sich. Die Entgrenzung gilt auch der Zeit. Ins
Nebeneinander des Verschiedenen werden
nicht nur unterschiedliche Orte, sondern auch unterschiedliche
Zeiträume ent-fernt. Nicht das Gefühl
des Trans-, Inter- oder Multi-, sondern das des Hyper- gibt exakter die
Räumlichkeit der heutigen
Kultur wieder. Die Kulturen implodieren, d. h. sie werden ent-fernt zur
Hyperkultur.
In gewisser Hinsicht bedeutet Hyperkultur Mehr an Kultur. Kultur wird
dadurch genuin kulturell, ja
hyper-kulturell, daß sie ent-naturiert wird, daß sie sowohl vom ,Blut'
als auch vom ,Boden', d. h. von
biologischen oder terranen Codes befreit wird. Die Ent-naturierung
intensiviert die Kulturalisierung.
Macht der Ort die Faktizität einer Kultur aus, so bedeutet die
Hyperkulturalisierung eine
Defaktifizierung der Kultur.
Wird die Hyperkultur wie Coleridges "Xanadu" ein flüchtiger Schein, ein
Traumgebilde gewesen sein?
Kubla Khans Lustschloß ist auf jener Erde errichtet, die in endlosem
Aufruhr kocht. Und der heilige
Fluß "Alph", der durch den paradiesischen Garten fließt, fällt tosend
in die sonnenlose See hinab:
"In Xanadu did Kubla Khan / A stately pleasure-dome decree: / Where
Alph, the sacred river, ran /
Through caverns measureless to man / Down to a sunless sea."
Durchs Tosen des Wassers hindurch
vernimmt Kubla Kahn die Stimmen seiner Vorfahren. Sie prophezeien den
Krieg: "And 'mid this tumult
Kubla heard from far / Ancestral voices prophesying war!" ,Krieg der
Kulturen'? Die Hyperkultur ohne
Zentrum, ohne Gott, ohne Ort wird weiterhin Widerstände hervorrufen.
Bei nicht wenigen führt sie ja
zum Trauma des Verlustes. Retheologisierung, Remythisierung und
Renationalisierung der Kultur sind
geläufige Wendungen gegen die Hyperkulturalisierung der Welt. So wird
die hyperkulturelle Ent-
Ortung weiterhin mit einem Ortsfundamentalismus konfrontiert sein.
Würden jene "ancestral voices",
die ein Unheil prophezeien, Recht behalten haben? Oder wären sie nur
Stimmen eines
Wiedergängers, die bald verhallen werden?
Sollte man dem Verlust
der Aura, des Ortes, des Ursprungs, des auratisierenden "Hier und Jetzt"
nachtrauern?
Oder kündigte sich durch den vielfachen Verlust hindurch ein neues,
auraloses Hier und Jetzt an,
das doch einen eigenenen Glanz hätte, ein hyperkulturelles Hiersein,
das mit dem Überallsein
zusammenfällt?